©Eike Nicklas

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Tagebucheinträge vom Oktober 2005

Übersicht:

13.10.05: Kanutour mit Überraschungen

Hallo mal wieder,

Kanu im Algonquin Park

da letzten Montag (10.10.) Thanksgiving war, wir also drei Tage frei hatten und zusätzlich noch der Indian Summer in vollem Gange ist, bot sich das letzte Wochenende gerade zu für einen längeren Trip an. Also nahmen wir uns auch noch den Freitag frei, um vier Tage im Algonquin Park Kanu zu fahren und in der Wildnis zu campen.

Eike und Nicolas beim Paddeln

Zu fünft fuhren wir also am Freitag morgen um 7:30am in Waterloo ab und kamen nach ein paar Einkaufs- und Esspausen gegen 4pm am Opeongo Lake im Algonquin Provincial Park an. Nachdem wir Kanus und Schwimmwesten ausgeliehen hatten, ging es auch gleich los. Aber sobald wir die sichere Bucht verlassen hatten, wehte uns ein strammer Gegenwind ins Gesicht und auf dem großen See bildeten sich Wellen, die etwa einen halben Meter hoch waren. Aus Kanuperspektive sieht das schon ziemlich beängstigend aus und hin und wieder schwappte auch etwas Wasser ins Boot. Daher beschlossen wir, den ersten Kanutag schon nach etwa 1:30h zu beenden und suchten uns einen der beschilderten Plätze, wo man sein Zelt aufbauen durfte. Da es längere Zeit nicht geregnet hatte, war schnell ein Lagerfeuer entfacht und da es schon langsam dämmerig wurde, fingen wir an, das Lager für die Nacht aufzubauen.

Dabei spielte sich in etwa folgender Dialog ab:

Eike: Basti, hol doch bitte mal unser Zelt.

Bastian: Hast du das nicht?

Eike: Ich dachte du hättest es...

...schweigen...

rumgedrehte Kanus als Zeltersatz

Und so hatten wir nur noch ein Zweimannzelt für uns fünf Abenteurer. Aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch und wir hatten ja zwei so schicke nutzlose Kanus rumliegen. Also würden wohl jede Nacht zwei Leute unter den rumgedrehten Kanus schlafen müssen. Sie boten guten Windschutz, zumal wir die Ritzen am Boden gut mit Erde und Kiefernadeln abdichten konnten. Zum Glück war es das ganze Wochenende über trocken, so dass wir die Regendichtigkeit der Kanus nicht testen mussten...

Eike im Kanubett

Da ich einen warmen Schlafsack ausgeliehen hatte und ich ja sowieso so ein harter Kerl bin *g*, bot ich an, freiwillig unter den Kanus zu schlafen und wurde dafür belohnt: Während verschiedene Leute versuchten sich nachts im Zelt breit zu machen, hatte ich im Kanu einen sicheren Platz, den ich nicht verteidigen musste. Außerdem bekam ich regelmäßig Besuch von Streifenhörnchen, die auf meiner Isomatte rumtapsten und auf meinen Kopf klettern wollten. Und obwohl es nachts so kalt war, dass die Rucksäcke morgens übereist waren, habe ich dank dem warmen Schlafsack nicht gefroren.

Armin, Christoph und Eike beim Planschen

Und so verbrachten wir ein paar schöne Tage im Algonquin Park. Jede Nacht haben wir an einer anderen Stelle unser Lager aufgeschlagen und einmal hatten wir sogar unsere eigene Insel. Trotz der nächtlichen Kälte war es tagsüber in der Sonne so warm, dass wir uns an einem windgeschützten Örtchen in Badehose sonnen konnten und ich mir dabei sogar im kanadischen Oktober noch einen Sonnenbrand geholt habe. Die täglichen Wasch- bzw. Badeeinheiten im See vielen dagegen sehr kurz aus; der See hatte wohl um die 15 °C.

Kochen am Lagerfeuer Streifenhörnchen beim Fressen

Die Abende verbrachten wir am Lagerfeuer, kochten darauf unser Abendessen, danach ein paar Marshmallows und tranken dazu ein paar gemütliche Bierchen. Da es gegen 7pm dunkel wurde, waren wir meist schon gegen 10pm im Bett und konnten uns am nächsten Morgen von der Sonne wecken lassen. Um morgens richtig wach zu werden, spielten wir einmal hide and seek in der Wildnis und ließen unseren kindlichen Trieben freien Lauf. Eines Nachmittags sind wir mit Studentenfutter auf Streifenhörnchenjagd gegangen und konnten sie auch gut anlocken. Sie sind sogar so zutraulich geworden, dass sie am Ende von der Hand gefressen und sich Nüsse in die Backen gestopft haben. Man konnte diese vier Tage auf dem See und in den Wäldern also durchaus genießen!

McDonald's Menü

Am Montag Nachmittag auf der Rückfahrt war es richtig ungewohnt, wieder in die Zivilisation zu kommen, da wir jetzt nicht mehr unter uns in unserer übersichtlichen Männerrunde waren und uns nun wieder benehmen mussten. Aber auch dieses Problem konnten wir meistern...

Wir hatten also ein schönes Wochenende mit ein paar Überraschungen. Während der nächsten Wochen werde ich jedoch wohl leider etwas weniger reisen. Schließlich sollte ich ja noch ein bisschen studieren, der kalte regnerische Herbst fängt nun an und so langsam geht das Geld aus ;-) Aber in Waterloo kann man auch Spaß haben. Heute Abend ist z.B. students day auf dem zweitgrößten Oktoberfest der Welt in Kitchener und am Samstag besuchen uns ein paar andere OBWler um mit uns noch einmal aufs Oktoberfest zu gehen.

Euch allen ein schönes Wochenende und bis bald,

Eike

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03.10.05: Studieren in Kanada

Hallo Leute,

heute ist Tag der Deutschen Einheit, aber hier in Kanada bekommt man davon natürlich nichts mit. Trotzdem wünsche ich euch einen schönen Feiertag, auch wenn er in Deutschland jetzt schon vorbei ist...

Dafür haben wir in Kanada nächste Woche Montag unseren Feiertag: Thanksgiving. So ein langes Wochenende bietet sich natürlich für einen Trip an. Vielleicht schaffen wir es ja, ein paar Tage im Algonquin Park Kanu zu fahren in der Hoffnung, dass der Indian Summer bis dahin in vollem Gange ist...

Jetzt sollte ich aber wie versprochen ein bisschen vom Unileben in Kanada bzw. Waterloo erzählen. Auf den Vorbereitungsseminaren wurden uns einige Dinge über kanadische Unis erzählt, die ich kaum glauben konnte, wie zum Beispiel:

Mit solchen Vorstellungen über kanadische Unis kam ich also hier in Waterloo an, aber um es vorweg zu nehmen, diese Gerüchte haben sich (zum Glück) nicht bewahrheitet.

Der (noch) augenfälligste Unterschied zum deutschen Studiensystem ist sicherlich, dass kanadische Unis saftige Studiengebühren verlangen: je nach Programm und Studienabschnitt zahlt man in Waterloo zwischen 3000 und 12000 kanadische Dollar pro Term (4 Monate). Dazu kommt noch, dass die Studentenwohnheime nicht von einem Studentenwerk subventioniert werden und daher ähnlich teuer wie Zimmer auf dem freien Markt sind. Möchte man mal auf dem Campus essen, dann geht man nicht in eine vom Studentenwerk organisierte Mensa, sondern in die Filialen der verschiedenen Fast Food Ketten auf dem Campus. Natürlich gelten für Studenten dieselben Regeln wie für den Rest Kanadas auch, so dass man für ein Mittagessen zwischen 5 und 8 Dollar zahlen muss. Aber das war noch nicht alles: da die Bibliotheken von jedem Buch nur ein oder maximal zwei Exemplare verfügbar haben und die Profs sich teilweise sehr eng an irgendwelche Bücher halten, wird einem wärmstens empfohlen, sich diese Bücher zu kaufen. Wenn man nicht das Glück hat, das richtige Buch (in der richtigen Auflage) im Used Book Store zu finden, muss man eben 100 bis 150 Dollar pro Buch ausgeben. Bei drei oder vier Vorlesungen geht das ganz schön ins Geld. Studieren in Kanada ist also teuer!

Zum Glück gibt es dafür ein relativ gut ausgebautes Stipendiensystem und einige Jobs für Studenten auf dem Campus. Außerdem haben diese immensen Kosten die Folge, dass die Studenten versuchen, ihr Studium so schnell wie möglich durchzuziehen und da die meisten Stipendien direkt an die Studienergebnisse gebunden sind, ist die Motivation entsprechend hoch. Insgesamt, habe ich den Eindruck, dass es viel weniger Langzeitstudenten gibt als in Deutschland.

Aber was bekommt man dann für seine Studiengebühren außer etwas Motivation und Arbeitsmoral? Das habe ich mich lange gefragt, schließlich fließt das Geld nicht in Subventionen für Wohnungen, Essen oder Arbeitsmaterialien. Eventuell ist die technische Ausstattung der Hörsäale und Computerräume etwas besser als in Deutschland, aber so groß ist der Unterschied nicht. Mittlerweile denke ich, ein Großteil des Geldes wird für Freizeitangebote für Studenten ausgeben: man kann das Schwimmbad, zwei Krafträume, Fussball-/Volleyball-/Eishockey/Badminton oder Footballfelder kostenlos nutzen und viele Sport- oder Freizeitkurse werden günstig angeboten. Auch andere Serviceleistungen werden für Studenten kostenlos angeboten, wie zum Beispiel Beratungsstellen für alle denkbaren Probleme wie z.B. Leistungsdruck, Probleme mit Kommilitonen, "carreer services" oder auch akademische Beratung zur Kurswahl. Einen Teil seines Geldes, wenn auch einen kleinen, bekommt man also in Form von Serviceangeboten zurück.

Ein bisschen hatte ich gehofft, dass die Bürokratie etwas unkomplizierter ist als in Deutschland. Aber ich wurde enttäuscht: Kanadier sind zwar generell viel freundlicher als deutsche Bürokraten, was aber nicht heißt, dass der Papierkram schneller oder unkomplizierter erledigt wäre. Ein gutes Beispiel ist das Einschreiben für einen Kurs: Hier in Kanada kann man nicht einfach in jeden beliebigen Kurs gehen und sich in der ersten Woche in eine Liste eintragen und nicht mehr hingehen, wenn der Kurs doch zu schwer oder schlecht ist. Stattdessen muss man sich zentral in den Kurs einschreiben und kann ihn nur bis zu einer bestimmten deadline wieder "droppen". Verpasst man diesen Termin, so bekommt man einen Vermerk ins Zeugnis, dass man den entsprechenden Kurs nicht bestanden hat. Der Einschreibevorgang scheint zunächst ganz einfach zu sein: Man geht ins Netz, sucht sich den Kurs raus und fügt ihn zu seinem Stundenplan hinzu. Aber das wäre zu einfach, also muss man noch einen Zettel ausfüllen, ihn sich vom Prof und einem Berater unterschreiben lassen und wieder an der richtigen Stelle abgeben. Einige Fakultäten haben jedoch die Richtlinie, dass die Profs die Zettel nicht selbst unterschreiben dürfen, sondern nur spezielle Berater. Diese unterschreiben aber nicht blind den Zettel, sondern kontrollieren, ob alle Voraussetzungen für den Kurs erfüllt sind. Da man als Austauschstudent diese aber nicht ordentlich nachweisen kann, muss man zunächst mit dem Prof reden, der dem Berater dann die Erlaubnis schreibt, für ihn den Zettel unterschreiben zu dürfen. Alles klar? Wenn man nun als Graduate Student einen Undergradkurs belegen möchte oder umgekehrt, dann muss man jedoch zusätzlich noch einen zweiten speziellen Zettel ausfüllen. Diesen dürfen zum Glück aber alle Profs selbst unterschreiben.

Wenn man das alles hinter sich gebracht hat, kann man endlich anfangen zu studieren und es stellt sich heraus, dass der kanadische Unialltag dem deutschen sehr ähnlich ist: Studenten sind nicht so verbissen wie befürchtet und man hilft sich gegenseitig, in den Vorlesungen wird die Mitarbeit nicht bewertet (wie denn auch?) und auch in Kanada gibt es gute und weniger gute Profs. Jedoch sind die Profs etwas lockerer: Ich habe noch keinen mit Hemd oder gar Krawatte gesehen und der Umgang zwischen Profs und Studenten ist lockerer. Die englische Univeralanrede "you" leistet dazu sicher auch einen Beitrag.

Die Übungszettel sind etwas mit denen in Deutschland vergleichbar. Teilweise sind sie etwas umfangreicher, aber dafür nur zweiwöchentlich abzugeben. Wenn man es also gewöhnt ist, mehrere Übungszettel pro Woche abzugeben, dann kann einen das kanadische System auch nicht umhauen.

Studentenparties gibt es natürlich auch in Kanada. Auf dem Campus sind direkt zwei Clubs und Privatparties gibt es auch genug. Dabei wird jedoch ständig das Alter kontrolliert, da man in Kanada erst ab 19 trinken kann und einige First-Years ja erst 18 sind. Ohne Ausweis kommt man also nirgends rein.

Aber ich möchte jetzt nicht zu viel über die kanadische Party- und Trinkkultur erzählen. Dem Thema werde ich wohl eher einen komplett eigenen Tagebucheintrag widmen.

Ich hoffe, damit sind die meisten eurer Fragen beantwortet. Wenn ihr noch weitere habt, nur her damit!

Also, bis demnächst,

Eike

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zuletzt geändert am 13.10.2005 von Eike Nicklas